In der Baumschule

Vielleicht eine kleine Hilfe für alle, die etwas für ihren Deutschunterricht suchen und beim Googlen verzweifeln, weil sie den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. - Hierbei handelt es sich um meine eigenen Gedanken, also übernehme ich dafür natürlich keine Garantie.

Monday, December 04, 2006

 

Charakteristik von Helander:

Helander ist der evangelische Pfarrer von Rerik. Er weigert sich den Anderen den „lesenden Klosterschüler“, ein als entartet eingestuftes, expressionistisches Kunstwerk, auszuliefern, denn gerade, weil die Anderen es aus Helanders Kirche entfernen wollen, wird dieses Kunstwerk zum größten Heiligtum in seiner Kirche und zum Symbol für geistige Freiheit und Widerstand, den die meisten seiner Amtskollegen schon längst aufgegeben haben.

(Seite 29, Absatz 2) „Weil die Anderen den >Klosterschüler< angreifen, dachte Helander, ist er das große Heiligtum. Den mächtigen Christus auf dem Altar lassen sie in Ruhe, sein kleiner Schüler ist es, der sie stört. Das Mönchlein, das liest. Der ganze Riesenbau der Kirche wird um dieses stillen Mönchleins willen auf die Probe gestellt, dachte Helander. Und: die Kirche, das bin leider nur ich.“

Helander befindet sich in einem Glaubenskonflikt. Er fühlt sich vor allem von Gott allein gelassen und auch innerhalb der Kirche ist er isoliert. Helander kann sich die Anderen und deren Herrschaft nur durch die Abwesenheit Gottes erklären, denn wenn Gott da wäre, dann würde er so etwas nie zulassen.

(Seite 95, Absatz 3) „Irgendwo hatte er einmal gelesen, dass Ingenieure jetzt in der Lage waren, >schalltote< Räume zu konstruieren. Das war die richtige Bezeichnung. Die Stadt, die Kirche und das Pfarrhaus waren zu einem schalltoten, echolosen Raum geworden, seitdem die Anderen gesiegt hatten. Nein, nicht seitdem die Anderen gekommen waren, sondern seitdem Gott sich entfernt hatte. Der hohe Herr hält es nicht für nötig, anwesend zu sein, dachte der Pfarrer höhnisch und erbittert. Vielleicht hat der dringendere Geschäfte. Vielleicht liegt der einfach nur auf der faulen Haut. Jedenfalls hat er uns in Rerik seit Jahren nicht mehr besucht. Nicht einmal ein paar Zeichen auf die Kirchenwand geschrieben, ...“

Trotzdem wartet Helander immer auf ein Zeichen von Gott, das ihm zeigt, dass er da ist. Oft starrt er lange auf die rote Backsteinmauer der Kirche gegenüber seines Arbeitszimmers, in der Hoffnung darauf ein Zeichen von Gott erkennen zu können.

(Seite 10, Absatz 4) „Er hob den Blick: die Querschiffwand. Dreißigtausend Ziegel als nackte Tafel ohne Perspektive, zweidimensional, braunes Rot ... [ ] ... ohne Tiefe vor seinem, Helanders, Fenster hängend, sein jahrzehntelanges Gegenüber, die Tafel, auf der die Schrift nicht erschien, auf die er wartete, so dass er sie mit seinen eigenen Fingern bemalte, das Geschriebene immer wieder auswischte, neue Worte und Zeichen schrieb.“

Und erst als er im Widerstand gegen die Anderen stirbt, sieht er im Augenblick des Todes dieses Zeichen von Gott auf der Mauer der Kirche.

(Seite 157, Absatz 2) „Herrgott, erinnerte er sich plötzlich, die Schrift! Jetzt muss sie doch erscheinen, die Schrift auf der Wand meiner Kirche. Die Schrift, auf die ich mein Leben lang gewartet habe. Er wandte sich um und blickte auf die Wand, und während er die Schrift las, spürte er kaum, wie das Feuer in ihn eindrang, er dachte nur, ich bin lebendig, als die kleinen heißen Feuer in ihm brannten.“

Helander weiß, dass den Klosterschüler in Sicherheit vor den Anderen zu bringen, sein Todesurteil ist. Trotzdem bittet er den politischen Feind, den kommunistischen Fischer Knudsen, darum ihm bei der Rettung des Klosterschülers zu helfen und diesen ins Ausland zu schmuggeln.

(Seite 95, Absatz 2) „Den >Klosterschüler< retten heißt: morgen früh abgeführt zu werden. In ein Konzentrationslager mit dem Tod im Bein.“

Helander wurde im Ersten Weltkrieg nach einer Verletzung ein Bein amputiert und da in letzter Zeit seine Schmerzen immer stärker werden, weiß er, dass er nicht mehr allzu lange zu leben hat. Und als ihm der Doktor bestätigt, dass er todkrank ist, ist Helander bereit auch den letzten Schritt zu gehen und im aktiven Widerstand zu sterben und fällt im Kampf, als ihn die Anderen holen kommen wollen. Als Rechtfertigung dafür die Anderen zu töten wie auch für seinen Freitod, den ein Kampf mit den Anderen zweifellos zur Folge haben wird, dient Helander die Abwesenheits-Gottes-Theologie von Karl Barth:

(Seite 97, Absatz 2) „Wie hatte er (Helander) sich bisher den Sieg der Anderen erklärt? Sehr einfach – Gott war abwesend, er lebte in der größten überhaupt denkbaren Ferne, und die Welt war das Reich Satans. Die Lehre des großen Kirchenmannes aus der Schweiz *(Karl Barth), der Helander anhing, war so einfach wie überzeugend. Sie erklärte, warum Gott die Welt als einen schalltoten Raum konstruiert hatte. In einem solchen Raum konnte man Gebete nur für sich selbst sprechen, nur in die eigene Seele hineinflüstern. Keinesfalls durfte man sich einbilden, von Gott gehört zu werden. Man betete nur, weil man wusste, dass es Gott gab; er weilte zwar in unerreichbarer Ferne, aber es gab ihn, er war nicht etwa tot. Gänzlich sinnlos war es Schreie auszustoßen, die Schreie eines Gefolterten. Natürlich hatte man Satan Widerstand zu leisten, man hatte zu predigen, aber nur, um die Leute darauf hinzuweisen, dass die Welt dem Teufel gehöre und dass Gott ferne sei. Es gab keinen Trost, und es machte die Größe dieser Lehre aus, dass es keinen Trost gab. Aber sie machte auch das Martyrium sinnlos; welchen Sinn hatte es, sich foltern zu lassen und zu schreien, wenn Gott einfach keine Kenntnis davon nahm, wenn die Wände des schalltoten Raumes der Welt die Schreie glatt verschluckten. Merkwürdig, dachte Helander, dass die Aufrechtesten unter seinen Amtsbrüdern **(z.B.: Dietrich Bonhoeffer) diejenigen waren, die der trostlosen Lehre anhingen. Die den Sinn des Martyriums leugneten, gerieten am leichtesten in Verfolgung und Folter. Sie hatten sich quälen zu lassen, nicht für die Nähe Gottes, sondern für seine Ferne; sie hatten zu sterben, weil sie das Reich der Anderen ohne jeden Kompromiss zum Reich des Bösen erklärten, wie die Lehre es vorschrieb.“

Während der größte Teil der christlichen Kirchen seine Augen vor den Gräueltaten der Nationalsozialisten verschloss, begannen einige evangelische Theologen, wie z.B. Karl Barth und Dietrich Bonhoeffer, sich gezielt von dieser erduldenden, verzeihenden und opportunistischen Kirche abzuwenden und eine Theologie des Widerstandes zu entwickeln. Auf der Annahme basierend, dass Gott abwesend sein musste und Satan (den Nationalsozialisten) die Herrschaft über die Welt überlassen habe, war es nun auch einem Christen möglich, aktiv Widerstand zu leisten, im Notfall auch mit der Waffe. Denn ohne die Anwesenheit Gottes war der Mensch nun gezwungen selbstbestimmt und -verantwortlich zu handeln: „... Gott will verlieren, damit der Mensch gewinne.“ Auch galt nicht länger uneingeschränkt das Gebot der Nächstenliebe. Man war als Christ nicht länger in der Pflicht seinen Feind zu lieben und ihm die andere Wange hinzuhalten. Man durfte oder besser man musste, da Gott während seiner Abwesenheit diese Aufgabe nicht übernehmen konnte, das Böse beim Namen nennen, es bekämpfen und notfalls im aktiven, Gewalt anwendenden Widerstand sterben.

*Karl Barth (1886 Basel - 1968 Basel) war ein evangelisch-reformierter Theologe aus der Schweiz. Er gilt im Bereich der europäischen evangelischen Kirchen aufgrund seiner theologischen Gesamtleistung als „Kirchenvater des 20. Jahrhunderts“. (Quelle: Wikipedia)

**Dietrich Bonhoeffer (1906 -1945 im KZ Flossenbürg) war ein deutscher evangelisch-lutherischer Theologe, profilierter Vertreter der Bekennenden Kirche und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. (Quelle: Wikipedia)

Aus einem Brief von Barth an Bonhoeffer, der sich 1933 noch in London befand: „Sie müßten jetzt alle noch so interessanten denkerischen Schnörkel und Sondererwägungen fallen lassen und nur das eine bedenken, daß Sie ein Deutscher sind, daß das Haus Ihrer Kirche brennt, daß Sie genug wissen und, was Sie wissen, gut genug zu sagen wissen, um zur Hilfe befähigt zu sein, und daß Sie im Grunde mit dem nächsten Schiff auf Ihren Posten zurückkehren müssten.“ (Quelle: Wikipedia)

Aus einer Predigt Bonhoeffers: „Wir müssen uns nicht wundern, wenn auch für unsere Kirche wieder Zeiten kommen werden, wo Märtyrerblut gefordert werden wird. Aber dieses Blut, wenn wir denn wirklich noch den Mut und die Treue haben, es zu vergießen, wird nicht so unschuldig und leuchtend daher kommen wie das der ersten Zeugen. Auf unserem Blute läge große eigene Schuld: die Schuld des unnützen Knechtes.“ (Quelle: Wikipedia)

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