Vielleicht eine kleine Hilfe für alle, die etwas für ihren Deutschunterricht suchen und beim Googlen verzweifeln, weil sie den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. - Hierbei handelt es sich um meine eigenen Gedanken, also übernehme ich dafür natürlich keine Garantie.
Gregor erfährt in dem Roman eine Wandlung vom treuen Parteisoldaten hin zum selbstbestimmten, handeln Individuum und durch die stetige Abkehr von der Partei zur Freiheit. Gleichzeitig knüpft er ein Netz zwischen den isolierten Protagonisten und treibt, immer nach einer Taktik suchend, die Handlung voran.
Als in Untergrund lebender KPD-Funktionär ist er gewohnt, sich unauffällig zu geben. "Man darf keine Gewohnheiten annehmen,(..), Gewohnheiten verraten (S. 83) Dies zeigt sich auch in der ersten Begegnung mit Judith, die sein Äußeres so beschriebt: "ein Mann nicht größer als sie selbst, ein junger Mann (S. 102) ", "ein mageres, helles, unauffälliges Gesicht, ein Gesicht, das einem Automonteur gehören konnte oder einem Laboranten oder einem Mann, der Manuskripte entzifferte, deren Texte ihn nicht interessierten, oder einem Flieger.“(S. 110)
Trotzdem erkennt Judith auch, dass Gregor ein Mensch der Tat ist. Einer, der handeln möchte: „Etwas sehr Erfahrenes und Altes lag in diesem jungen Gesicht ... die Schläfen und das Kinn zeigten Schläue, verrieten Tempo, verlässige Schnelligkeit und Intelligenz.“ (S. 110)
Die KPD hat ihn in den 30er Jahren an der Lenin-Akademie in Moskau ausbilden lassen, und schon damals begannen seine Zweifel an deren Ideologie. Nach einem Manöverbesuch bei der Roten Armee im russischen Tarasovka, "wo ihm der goldene Schild wichtiger gewesen war als die Einnahme der Stadt" (S.24), musste er erfahren, dass seine deutsche Freundin Franziska im Rahmen der stalinistischen Säuberungen verhaftet worden war (S.113). Sie hatte ihre unabhängige Meinung vertreten und war nicht den starren vorgegebenen Parteiparolen und -erklärungen gefolgt.
Trotzdem war Gregor weiterhin der Partei treu geblieben und hat als Parteisoldat funktioniert. Als er nach Rerik kommt, um dort die Arbeit der Partei im Untergrund neu zu organisieren, ist ihm aber schon bewusst, dass dies sein letzter Auftrag für die Partei sein wird und er von dort ins Ausland fliehen will. Als er auf den Fischer Knudsen, seinen Kontakt vor Ort, wartet, entdeckt er in der Kirche den „lesenden Klosterschüler“. Dieser steht als Symbol für die geistige Freiheit, nach der Gregor so sehr sucht. Und in dem sich Gregors Ablösungsprozess von der Partei widerspiegelt. Anfangs seiner Betrachtung vergleicht Gregor den Klosterschüler mit sich selbst „Das sind wir, dachte Gregor. (...) Genauso sind wir in der Lenin-Akademie gesessen.“ Doch dann erkennt er etwas anderes: „Er ist anders, als wir waren, vogelgleicher. Er sieht aus, wie einer, der jederzeit das Buch zuklappen kann und aufstehen, um etwas andres zu tun. (...) ...sich nicht von den Texten überwältigen lassen? Die Kutte nehmen und trotzdem frei bleiben? (...) Ich hab einen gesehen, der ohne Auftrag lebt. Einen, der lesen kann und dennoch aufstehen und fortgehen.“( S.44/45)Diese Eindrücke bestärken Gregor nun weiter in seiner Abkehr von der Partei und geben ihm die Kraft für seine kommenden Aufgaben.
Als nun Knudsen in die Kirche zu dem Treffen auftaucht und Gregor erklärt, dass er seinen Kopf nicht mehr für die Partei riskieren möchte, liegt nicht mehr viel Energie und Überzeugung in Gregors Worten. „Er wusste, dass nicht sehr viel Energie hinter seinen Worten saß. (...) Der Mann hat ganz recht, dachte Gregor. (...) Man musste übrigbleiben, darauf kam es an. Aber er durfte ihm nicht zustimmen, das wäre gegen die Parteilinie gewesen.“( S.48 ) Schließlich erkennen beide Männer gegenseitig, dass sie den Kampf für die Partei aufgeben wollen. „Als Kurier? fragte er. – Nein, sagte Gregor. – Du willst also kneifen? – Du kannst es auch so nennen, antwortete Gregor. ( S. 50 ) Gregor will nun Knudsen auch zur Flucht überreden, doch dieser lehnt ab, aus Sorge um seine Frau Bertha.
Durch die Begegnung mit Helander, der Knudsen überreden will, die Holzplastik nach Schweden zu bringen, macht Gregor die Rettung der Plastik zur eigenen Sache. Seine Aktion "Lesender Klosterschüler" treibt ihn an und gibt ihm das Gefühl von Freiheit, auch ohne Partei handeln zu können. Und so erfindet er kurzerhand eine neue Taktik: „ Du wirst es nicht glauben, sagte Gregor zu Knudsen, aber du wirst das Ding nach Schweden bringen.“ ( S. 56 ) „ ..., du kennst die neue Taktik der Partei nicht. Wir arbeiten jetzt mit allen zusammen: mit der Kirche, mit den Bürgern, sogar mit den Leuten von der Armee. Mit allen, die gegen die Anderen sind.“
Als er das Mädchen Judith entdeckt, erweitert er spontan seinen Plan zur Aktion "Jüdisches Mädchen". Auch sie will er nun retten. Und übermütig beginnt er das Gefühl der Freiheit zu genießen. „Die Aktion >Lesender Klosterschüler<. Oder wares jetzt schon die Aktion >Jüdisches Mädchen Jedenfalls wird es meine Aktion sein, dachte Gregor arrogant. Zum erstenmal leite ich keine Parteiaktion. Es ist eine Sache, die nur mir gehört. Er fühlte sich glänzend aufgelegt. Das wunderbare Gefühl, das ihn befallen hatte, seitdem er den jungen Mönch, seinen Genossen, den freien Leser, gesehen hatte, verließ ihn nicht. (...) Sowie man die Partei im Stich lässt, gibt es wieder Romantik, dachte Gregor.“
Im Laufe der Aktion festigt sich Gregors Haltung, dass nur der selbstkritisch handelnde Mensch, der auch das Wohl seiner Mitmenschen vertritt, frei wählen und handeln kann. Er verzichtet darauf nach Schweden mitzukommen, um bei dem verletzten Knudsen zu bleiben und um Judith zu retten. Und erkennt nun wie sehr Knudsen ihn gehasst hat: „Keine Angst, sagte Gregor, ich hab ihn nicht lebensgefährlich verletzt. Wenn Sie weg sind, kümmere ich mich um ihn. – Aber Sie müssen jetzt weg! (...) Willst Du nicht mitfahren? fragte er (Knudsen) Gregor. (...) Nein, sagte Gregor, ich hab es dir doch gesagt. Es ist gelogen, dachte er, ich möchte mitfahren. (...) Dann will ich das Boot übernehmen, sagte er (Knudsen), das Mädchen kann mitfahren. – Mein Gott, dachte Gregor, dieser Mann hat mich gehasst. Alles, was er seit heute Nachmittag getan hat, seitdem er mich in der Kirche getroffen hat, ist eine Folge seines Hasses gegen mich gewesen.“ ( S. 140)